„Ich wollte mir immer etwas Eigenes aufbauen“

Noura hat sich von einer ARRIVO-Teilnehmenden hin zu einer festen Größe in der Verwaltung eines Netzwerkunternehmens entwickelt. Was Arbeitgeber:innen von ihrer Geschichte lernen können, lesen Sie im Interview. 

Noura, du hast von 2019 bis 2021 bei ARRIVO mitgemacht. Wie sah deine Situation aus, als du nach Deutschland gekommen bist?

Ich bin 2015 mit meinem kleinen Kind aus Syrien nach Deutschland gekommen. 5 Monate später ist mein Mann mit unserem älteren Sohn nachgekommen. Damals war ich 28 Jahre alt. In Syrien hatte ich eine Ausbildung zur Buchhalterin abgeschlossen, die wurde hier aber zuerst nicht anerkannt. Ich habe also erstmal Integrations- und Sprachkurse gemacht und dann eine Weiterbildung zur Kauffrau für Büromanagement mit Schwerpunkt Buchhaltung.

Wie hast du von ARRIVO erfahren?

Durch eine Freundin, die bei ARRIVO mitgemacht hat. Ich habe mich erstmal angemeldet und dann hatte ich ein Vorstellungsgespräch mit dem Team. Sie haben dort nach meinem Abschluss und meinem Lebenslauf gefragt und dann haben sie mir Jobvorschläge geschickt. Sie haben meine Bewerbung auch selbst an Unternehmen geschickt, aber leider ist da nichts draus geworden. Es war offenbar ein Problem für manche Arbeitgeber, dass ich ein Kopftuch trage und das auch für die Arbeit nicht abnehmen würde.

Trotzdem hast du schließlich deinen Einstieg geschafft. Wie kam es dazu?

Ein Mitarbeiter von ARRIVO hat mich gefragt, ob ich Interesse an einer Verwaltungsstelle bei TeachCom Edutainment* hätte. Ich habe mich dann beworben und hatte zwei Bewerbungsgespräche über Zoom. Das war alles zur Corona-Zeit. Ich habe dann zunächst ein Praktikum gemacht und seit 2021 bin ich dort eingestellt.

Hast du weiterhin Unterstützung bekommen am Anfang?

Ja, ich habe am Anfang nur mit Datev gearbeitet, weil man dafür nicht so viel Deutschkenntnisse braucht. Mit der Unterstützung des ARRIVO-Projektleiters und dem Verwaltungsteam von TeachCom habe ich mich dann step by step entwickelt. Meine Kollegen haben mich richtig gut eingearbeitet. Ein Projektleiter hat mal zu mir gesagt: „Ich bin stolz auf dich, wie du dich entwickelt hast. Du warst erst nur eine Assistentin und jetzt bist du ein richtig fester Bestandteil in der Verwaltung.“

Worauf bist du besonders stolz, wenn du auf deine Zeit in Deutschland zurückblickst?

Ich hatte in Syrien zwar eine Ausbildung absolviert, aber ich war zehn Jahre Hausfrau und habe mich um meine Kinder gekümmert. Ich wusste immer, dass ich irgendwann arbeiten und mir etwas Eigenes aufbauen möchte. Seit ich in Deutschland bin, habe ich eine Balance zwischen meinen Kindern, meiner Familie und mir gefunden.

Was würdest du anderen Menschen sagen, die neu in Deutschland sind und Arbeit suchen?

Sie müssen erstmal die deutsche Sprache lernen. Das ist der Grundstein. Und sie müssen motiviert sein, etwas Neues zu lernen. Meine Schwester wollte in Syrien zum Beispiel Arabisch-Lehrerin werden. Hier macht sie jetzt eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement.

Was könnten Unternehmen besser machen bei der Integration von Geflüchteten in ihre Betriebe?

Viele Unternehmen wünschen sich sofort Berufserfahrung. Aber gerade Menschen, die neu in Deutschland sind, brauchen oft erstmal die Chance, Erfahrungen sammeln zu können. Ich hatte in Syrien ja sogar Buchhaltung gelernt, aber hier war trotzdem alles neu für mich. Es wäre schön, wenn es mehr Chancen für Menschen ohne Erfahrung gäbe. Denn man kann sich ja auch weiterentwickeln.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Ehrlich gesagt, bin ich zufrieden mit meiner Aufgabe. Ich trage jetzt mehr Verantwortung und es wird schwieriger, die Balance zwischen meiner Familie, meine Arbeit und mir zu finden. Aber ich bin zufrieden. Ich habe viel erreicht und bin dankbar für meinen Weg.

Hier gibt es mehr Informationen zum ARRIVO-Projekt.

* Netzwerkmitglied und ARRIVO-Träger

„Ich wollte mir immer etwas Eigenes aufbauen“